Land der Dogon

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Als Land der Dogon bezeichnet man die Region um die Klippen von Bandiagara, mit ihren Dutzenden Dörfern am Fusse und auf den Felsen. Vor rund fünfhundert Jahren ist ein Teil der Mande als Dogon vor der Islamisierung oder vor den Reiterheeren der Mossi zu den Klippen von Bandiagara geflohen, wo sie die seit dem elften Jahrhundert in den Felsen lebenden Tellem vertrieben haben. Das Wort Dogon bedeutet kleiner Bruder. Die ersten Behausungen der Dogon sehen denjenigen der Tellem recht ähnlich, sind aber am Fuss der Klippe errichtet worden. Tellem bedeutet Ahne in Dogon. Es waren vermutlich Pygmäen und ihre Häuser hoch oben in den Felsen machen viel vom Mythos der Gegend aus. Die Dogon wurden zwar teils Muslime und Christen, haben aber recht viel von ihren alte, animistische Ritualen und Glauben behalten. Viele Dörfer haben ein spirituelles Oberhaupt genannt Hogon, der sich zumindest ein bisschen verkleidet für Touristen, jedes Quartier hat ein Toguna, einen niedriger Unterstand, wo die Alten den ganzen Tag palavern und überall sind kleine Speicher, mit Dächern spitz wie ein Hexenhut.

Ireli

Ich habe die Dogon als recht humorvoll erlebt. Sie treiben das in Afrika übliche „ça va?“-Spiel auf die Spitze, indem sie sich gegenseitig streng geregelt nach dem Wohlergehen der ganzen Familie erkundigen, so dass es wie ein Kanon tönt. Um dem ganzen noch den Rest Persönlichkeit zu entziehen, geht das auch gruppenweise im Chor. Da sie polygam sind, kommt es schon mal vor dass sich zwei Frauen gegenseitig über das Wohl ihres gemeinsamen Ehemannes befragen. Man liebt es oder man hasst es 😉
Die Landschaft ist pefekt zum Wandern, mit Pfaden und Treppen in den Klippen, die man kaum sieht und feinem Sand am Fuss. Die Regenzeit hat zwar ihre Tücken und kann den sowieso schon teuren Transport erschweren, dafür hat es nicht allzuviele Touristen, ist nicht zu heiss und alles ist grün. Und der Sternenhimmel, insbesondere Richtung Zentrum der Milchstrasse war wunderbar.
Weil man heilige Stätten der Dogon leicht übersehen kann und horende Opfer fällig würden um die Fetische zu besänftigen wird einem nahegelegt, sie nur mit einem Guide zu besuchen. Ich habe im Nachhinein das gefühl, dass man als gut informierter und sensibler Reisender alles richtig machen würde, während gewisse Guides auf der Jagd nach „cadeaux“ wohl mehr Fotos zulassen als toleriert würde. Schwieriger wäre das mit den Pfaden. Ausserdem darf im Land der Dogon kein Schwarzer einen Weissen begleiten, ohne offizieller Guide zu sein. Da ich fast nur schlechte Erfahrungen mit Guides gemacht habe und es eigentlich nicht mag geführt zu werden, habe ich mit fast einem Dutzend potentieller Guides gesprochen – von „Ali le grand“ (<1.70m) bis zu „Philip le magnifique.“ Gewählt habe ich schlussendlich einen älteren Herrn, der gut Französisch sprach, auf seinen Fotos anständige Turnschuhe trägt und sich nicht mit einem lächerlichen Pseudonym vorstellen musste. Nicht dass er kein Pseudonym hätte, er wird wegen seines Nachnamens Napoleon genannt, was sich später als recht zutreffend herausstellen sollte. Da er kein Handy hat, habe ich in einem Laden angerufen, wo er jeden Morgen vorbeikommt, damit er auf mich warten würde. Er war wirklich dort und wir wurden uns recht schnell einig, vier Tage und drei Nächte lang zusammen seine Heimat zu erkunden.
Wir fuhren erst nach Bandiagara, dann musste er einen Wagen für Sangha mieten, wo er mich zu seiner Frau und seiner 35 Tage alten Tochter brachte. Sie leben dort gemeinsam mit vielleicht dreissig Mitgliedern seiner Grossfamilie in recht einfachen Verhältnissen. Die Möbel zum Beispiel beschränken sich auf ein paar niedrige Schemmel und zwei wackelige Stühle, gekocht wird wie überall auf offenem Feuer, aber fliessendes Wasser gibt es nicht und die Toilette hat stark an ein mittelalterliches Verlies mit kleinem Loch im Boden erinnert. Als ich mit Kessel und Tasse duschen ging hatte mein Guide das Gefüh ich würde noch Socken tragen, weil meine Füsse so weiss sind. Wie man in Afrika Socken weiss halten könnte.
Leider ha er sich als Erstes gleich mal betrunken und völlig daneben aufgeführt. Er hat alle rumkommandiert und sich die ganze Zeit wiederholt. Statt den Rat seiner Frau, mich in Ruhe essen zu lassen, zu befolgen hat er sich beschwert, weil sie ihm sage was er tun solle. Irgendwann hat er dann eingesehen, dass es besser wäre, wenn wir uns nun hinlegen würden. Zu meiner Beruhigung hat er von seiner Frau eine heftige Gardinenpredigt kassiert.
Am nächsten morgen war er zwar verkatert, aber konnte immerhin wieder einigermassen sprechen. Er hat mir Sangha gezeigt, eines der grössten Dörfern mit etwa zehn Quartieren. Gegen Mittag war er wieder hackedicht und hat mich mit einem Jungen zu den Klippen geschickt, um ein paar Bauten der Tellem zu sehen. Nach dem Essen wollte er sich für eine halbe Stunde hinlegen. Ich liess ihn jeweils drei schlafen, damit er wieder etwas nüchtern wurde. Gegen Abend gingen wir zum Markt von Sangha, der jede Dogon Woche – also alle fünf Tage – statt findet und wo Leute aus allen Dörfern her kommen. Eigentlich wollten wir noch an diesem Abend die Klippen runter steigen, aber da ein berühmter Dogon-Musiker ein Konzert geben sollte, blieben wir eine weitere Nacht. Dummerweise fiel der Konzertbesuch einem Platzregen zum Opfer.
Am nächsten Morgen wollten wir früh los ziehen. Um sechs war eigentlich alles bereit, aber seine Hose war noch dreckig weil er am Vortag in eine Pfütze getretten ist und er war bereits wieder in einem derart schlechten Zustand, dass wir erst gegen acht Uhr los kamen, was nicht nur wegen der Hitze schlecht ist, sondern auch wegen den Fotos. In der Morgensonne sind die Dörfer am besten beleuchtet. Vor dem Abstieg führte er mich zu einem Aussichtspunkt für den Wasserfall, vorbei an Orakel-Sandkästen, wobei die nächtlichen Spuren der Füchse, welche die Antworten enthalten sollen, ebenfalls dem Regen zum Opfer gefallen waren. Dann lies er mich zu Quellen führen, während er sich weiter die Lampe gefüllt hat. Unten an der Klippe im Dorf Banani das selbe Spiel: Spaziergänge mit Nachwuchsguides, die ihrerseits auch schon Mühe mit Gehen hatten und ewiglange Siesta.
Am Abend hat sich bestätigt was sich schon den ganzen Tag abgezeichnet hat: das Geld was ich bezahlt hatte war versoffen. Ich hatte überhaupt keine Lust, ihm Geld zu leihen, aber wenn ich irgendwie zurück kommen wollte blieb mir nichts anderes übrig als irgendwen zu bezahlen. Er hat mir erzählt, dass er von dem Geld in Mopti gelassen habe und mir als Garantie seine Identitätskarte und seine Guide-Erlaubnis überlassen.
Am vierten und letzten Tag wanderten wir barfuss durch den feinen Sand, weil man immer wieder durch Wasser gehen musste. Was wir an dem Tag am morgen gewonnen hatten verloren wir in einem Campement in Ireli gleich wieder, wo wir „rasteten“ – sprich ich mir irgendwelche Souveniers ansehen musste und er sich voll laufen liess. Ich konnte ihn nur mit einem massiven Wutanfall dazu bewegen, mir doch noch dieses Dorf – ebenfalls eines der grösseren und wohl das schönste von allen – zu zeigen. Damals war er weinerlich drauf, er sei ein schlechter Guide und viel zu alt und und und … Der Aufstieg war wiederum sehr malerisch. Es ging auch so einer Spalte in der Klippe entlang hoch. Ein wenig Wasser rinnt dort runter und kühlt angenehm.
Oben angekommen wollte er den Rücktransport organisieren – alleine, weil es viel mehr kosten würde, wenn er mit einem Weissen gesehen würde. Erst als ich demonstrativ vor der Beiz Stellung bezogen hatte ging er auch wirklich zur Kreuzung, war aber schon wieder recht besoffen und alles andere als erfolgreich. Ausserdem begann es zu regnen. Seine Frau hat wunderbare Erbsen gekocht, er vorallem davon geredet, dass wir heute nicht fahren könnten, wegen dem Regen. Ich liess das so nicht stehen und irgendwann wurde es ihm zu bunt und er nahm mich mit zur Kreuzung. Ich habe dort im Office des Guides de Sangha etwas rumgestänkert und irgendwann fand sich dann ein „Quatre-Quatre“ – so nennen sie hier Allradfahrzeuge – dessen Fahrer sich trotz des Nieselregens die Fahrt zugetraut hat. Wir kamen so spät nach Mopti zurück, dass ich gleich in Sévaré zur Übernachten blieb. Am nächsten Tag hat er sich nicht mehr blicken lassen und ich habe seine Dokumente trotz stundenlangem Warten und Anzeige immer noch. Immerhin habe ich eine Fallnummer bei der Polizei in Mopti, wobei die sich von mir alles, von Name des Vaters bis Fakultät, aufgeschrieben haben und vom alten Betrüger lediglich den Namen. Ausserdem scheint zumindest die Zulassung als Guide doch einigermassen wichtig zu sein, es haben mir recht viele ins Gewissen geredet, die doch zurück zu lassen. Ich fühlte mich jedoch eher den nachfolgenden Touristen als dem Säufer verpflichtet.
Wenn man sich achtet, ist das ganze Land der Dogon voller leerer Fussel-Flaschen. Ihr Hirse-Bier brauen sie zwar schon ewig, aber Kay, die britische Lady vom Hotel in Sévaré, meint ein echtes Alkoholproblem gebe es vorallem an den von Touristen besuchten Orten und erst seit wenigen Jahren. Auch sonst hinterlässt die Moderne ihre Spuren, Kinderspielen mit alten Batterien, schreien „avion avion“ wenn eines vorbei fliegt und der Steckentöff hat das Steckenpferd abgelöst. Motorräder gibts überall wo sie durchkommen.
Und Säuglinge wurden mir auch viele gezeigt. Ich habe Fotos gemacht und werde sie hinschicken, Kameras haben hier eigentlich nur Touristen. Der junge Vater der im Hotel in Sévaré arbeitet und seine zukünftige Frau haben sich extra Kleider im selben Stoff angezogen für das Familienfoto.
Ich habe gestern ein Ticket für Bobo-Dioulasso gekauft. Da ich wohl der Einzige war, kam der Bus nicht zu stande und ich wurde stattdessen in einen Bus für Bla gesteckt. Weil der Gepäckjunge es vergessen hat mich dort raus zu schmeissen, bin ich heute morgen um drei in Ségou erwacht. Das ist so gut wie gleich weit weg, nur halt im Nordwesten statt im Nordosten. Knapp zwei Stunden später hat mich dort ein kleiner Bus aufgelesen, um mich eine Station weiter noch einmal drei Stunden sitzen zu lassen. Gut 24 Stunden später war ich da, was einen Schnitt von rund 20 km/h macht, nichts Ungewöhnliches für „Fernverkehr“ hier. Eigentlich wollte ich neben Ouaga auch noch Banfora weiter im Südosten reinquetschen, aber da ich aktuell vom Busfahren die Schnauze ziemlich voll habe, weiss ich nicht 🙂

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3 Antworten to “Land der Dogon”

  1. Helge Says:

    nette geschichte! war vor 8 jahren und dnn noch mal vor 5 im dogonland, beide male mit dem eigenen 4×4, und darum immer nur mit lokalen guides für jedes dorf unterwegs, das macht es leichter. alkoholproblem ist mir damals tatsächlich keins aufgefallen, wenn man vom hirsebierrausch absieht, den im dorf tireli eines abends alle hatten, inklusive uns.

  2. lyq Says:

    TTTTIIIIIIIAAAAAA !!
    no gspässig dases dert so nes riese züg git mit dene guides, isch das wüus no keni büros git wosech mit flyer bekämpfe? mögd mi jetz emu nid bsinne jemaus sones riese herrje erläbt z ha wie du do au bot..

  3. Geri Says:

    Ja, eigener 4×4 wuerde auch meine Nerven schonen 😉

    lyq, d Guides schaffe elei u schliesse sech aube u Bueros zaeme. Gitt haut viu z viu Arbeitslosi wo nuet angers z tuee hei … U Mali isch aextraleid, was Guides ageit …

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