Sarajevo

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Ich bin mit einem Paar aus Kanada eingetroffen. Als der Typ am Schalter nicht Englisch sprach, gaben sie auf. Als ob das nötig wäre, um nach Bancomat und Bushaltestelle zu fragen. Sie hatten ein Zimmer reserviert und via Internet bezahlt, aber den Bancomaten hatten sie nicht vertraut. Erster Trip halt 😀 Ein Polizist musste uns die Herberge zeigen und die Reservation kam natürlich nicht an, wobei sie jetzt mich rausgeschmissen und die beiden in mein Zimmer gesteckt haben. Ihr Französisch war ziemlich anspruchsvoll 😉 Ich bin jetzt im Hotel eines ehemaligen Flüchtlings, der in Fribourg war.

Sarajevo

Die Hauptstadt Sarajevo liegt in einem breiten Tal, umgeben von sanften Hügeln mit teils wilden Felsen. Sowohl die wirklich üblen, als auch die wirklich bonzigen Wagen sind weitgehend von der Strasse verschwunden, der VW Golf dominiert. Hösschen und Röckchen sind etwas länger geworden, man sieht auch Kopftücher und ganz vereinzelt Burkas. Hier leben Bosniaken, Kroaten und Serben. Man kann sie weder am Aussehen (abgesehen von den Kopftüchern) noch an der Sprache unterscheiden und bis vor dem Krieg waren auch gemische Hochzeiten normal. Die einen sind Muslime, die anderen Katholiken und die letzten Orthodoxe. Die Stadt ist eine vielfältige Mischung dieser Kulturen, mit Gotteshäsern aller Art und einem kleinen Basar mit Handgemachtem für Touristen. Die Muslime haben in den 400 Jahren unter den Türken wohl einigermassen freiwillig zum Islam konvertiert und Juden haben sich auf der Flucht vor der Inquisition hier zur Zeit des osmanischen Reichs niedergelassen. Die Stadt war vor dem Krieg als europäisches Jerusalem bekannt.

Orthodoxe Kathedrale

Brunnen der Gazi-Husrevbey Moschee

(Achtung Geschichte!) Ende 19. Jahrhundert entstand die Idee der südslavischen Nation. Es kam zu Revolten und mit Hilfe der Russen wurden die Türken 1878 vertrieben. Bosnien und Herzegovina wurde von Österreich und Ungarn besetzt, bis 1914 der junge bosnische Serbe Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo erschoss, was zum ersten Weltkrieg führte. So hatte Sarajevo vor Wien elektrische Strassenbeleuchtung — man hat der Elektrizität misstraut und wollte sie abseits ausprobieren. Bosnien und Herzegovina gehörte nach dem ersten Weltkrieg zu Yugoslavien (was erst ein Königreich und dann ein kommunistischer Staat unter Tito war).
1990 hielt Milosevic seine Rede und entfachte damit eine Welle des serbischen Nationalismus. Slovenien und Kroatien waren noch nicht lange unabhängig und hatten nun mit serbischen Paramilitärs zu kämpfen. Die Welle schwappte bald nach Bosnien über, wo die Kroaten und Muslime gemeinsam die Wahlen gewohnen haben und 1991 die Unabhängigkeit proklamierten. Die Republika Srpska (RS) wurde gegründet und Sarajevo während gut drei Jahren mit Mörsern und Heckenschützen belagert. Ruinen prägen nach wie vor das Stadtbild und exponierte Fassaden sind übersäht mit Einschusslöchern der Scharfschützen, die aus den Hügeln Passanten auf der Suche nach Wasser oder beim Anstehen für Brot wie Tontauben abgeschossen haben. An der Belagerung starten gut 10’000 der guten halben Million Einwohner der Stadt.
Die UNO hat 7500 Nasen entsandt. Um Essen und Fensterfolien zu verteilen wurde auch der Einsatz von Gewalt erlaubt. Man konzentrierte sich auf den Kampf gegen serbischen Paramilitärs, aber seit 1993 waren auch die Kroaten und Muslime zerstritten. Die Brücke von Mostar geht aufs Konto dieser zweiten Front. Das Massaker von Sebrenica mit 7500 Toten und ein weiterer Anschlag auf einen Markt in Sarajevo brachten das Fass zum Überlaufen. Ein Ultimatum verstrich, erst das darauf folgende, zwei Wochen dauernde Bombardement brachte die RS an den Verhandlungstisch. 1994 wurde das Terretorium im Abkommen von Dayton halbiert, seither ebbte die Gewalt ab und kommen sich die Etnitäten wieder näher.
Man ignoriere oder verzeihe die Geschichtslektion, aber mir gehen die Einschusslöcher, Sarajevo-Rosen (Einschlagskrater der kleinen Möser, teils mit rotem Beton gefüllt) und Ruinen nahe, das Obligatorische (für Unwissende, das alljährliche Heckenschützen-Training für ehemalige schweizer Soldaten) wird mir dieses Jahr besonders wenig Freude bereiten … Zum Glück sind viele schöne Gebäude sind noch intakt oder wurden wieder in Stand gestellt und der Tourismus floriert, mit allen Auswüchsen. Gestern habe ich eine anglophone Reisegruppe gesehen, die orthodoxe Kathedrale trotz Gottesdienst besichtigt hat … Ich war auch im nationalen Museeum, mit archäologischer, ethnologischer und naturhistorischer Abteilung. Die Sammlungen an ausgestopften Tieren, Insekten, Muscheln und Steinen war zwar teils etwas verstaubt und düster, aber ihr Ausmass ist absolut beeindruckend. In den umliegenden Hügeln fanden 1984 die olympischen Winterspiele statt und man hat wunderbare Aussicht (und weiss dann auch gleich welche Kreuzungen nur im Schutze eins UN-Panzers überquert werden konnten und welcher Strassenabschnitt Sniper Valley hiess).

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