Mostar

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Als ich in Sarajevo auf ein Tram für den Bahnhof wartete, hat mir ein Taschendieb den kleinen Rucksack geöffnet. Abgesehen davon, dass es dort ausser meinem alten Handy nichts zu holen gibt war er so ungeschickt, dass ich es bemerkt habe. Die Fahrt im Bus war heftig, Klimaanlage ging nicht. Die Gegend ist immer weniger Emmental und immer mehr Mittelmeer. Ich bin bei einem pensionierten Professor für Deutsch und Französisch unter gekommen. Er trauert dem osmanischen Reich nach und hat Mühe mit der Hitze, das Klima sei nicht mehr was früher. Aber er weiss alles und was er nicht weiss findet er mit einem Telefonat heraus.
Mostar war auch einmal eine durchmischte Stadt, wurde erst von den serbischen Paramilitärs angegriffen und als sich die Bosniaken mit den Kroaten verkrachten nochmal heftig bombardiert. Die Zerstörung ist um einiges grösser als in Sarajevo, aber zumindest für mich weniger bedrückend — Bomben sind weniger persönlich und die Ruinen könten (abgesehen von einem ausgebrannten Hochhaus) auch auf dem Forum Romanum stehen … Auf jeden Fall haben die Kroaten die Muslime auf die andere Seite des Flusses vertrieben, symbolisch die 500 jährige Brücke in der Altstadt gesprengt und seither leben sie getrennt. Während die Altstadt wieder aufgebaut wurde liegt die ehemalige Front immer nochin Schutt und Asche. Dafür haben die Kroaten eine Platten-Kirche aufgestellt, mit gewöhnungsbedürftigen Proportionen, dank „Mein Turm ist länger als dein Minarett“-Mentalität. Auf den Hügel dahinter haben sie ein weisses Kreuz gepflastert. Ein Muslime wird zitiert, dass er damit gut leben könne, beim Blick aus dem Fenster nach dem erwachen fühle er sich wie in Rio. Und ein Goof knattert mit einer Spielzeug-MP durch die Gassen, wobei mein Favorit für den Vater des Jahres schreit „er schiesst nicht auf dich, er schiesst auf das Kreuz!“ (aus dem Bosnischen von mir 😉 ). Immerhin können sie einander nun wieder besuchen ohne verprügelt zu werden …
Das Zentrum von Mostar war und ist wieder diese Brücke, ein filligraner Bogen gut 20 Meter über dem Fluss Neretva. Sie wurde beim zehn Jahre dauerneden Bau mehrmals weg gespühlt. Je nach Legende soll sich der Bauherr aus dem Staub gemacht oder darunter gestellt haben, als die Gerüste entfernt wurden. 2003 wurde sie wieder aufgebaut, mit der selben Technik wie damals. Dabei wurden unzähliche archäologische Schätze gefunden, unter anderem das Fundament einer älteren Brücke. Früher fand einmal im Jahr ein Fest statt, wo Jünglinge aus ganz Jugoslavien runter gesprungen sind, heute verdienen sie mit Rungerspringen als Touristenattraktion. Darum ist die Altstadt, wo früher orientalische Handwerker waren und heute Kitsch Touristen verkauft wird. Dagegen war Sarajevo touristisch unberührt. Immerhin spielt die Konkurenz, die Preise sind in Mostar eher tiefer 😉

Brücke von Mostar

Heute Nachmittag war ich noch in Blagaj, einem Dort in der Nähe. Dort entspringt ein Fluss, was ein Derwischen-Kloster anzog. Darüber wacht ein Hügel mit Ruine, der Schweizer in mir musste natürlich hoch. Die Aussicht wars wert. Das Haus vom osmanischen Bürgermeister kann man auch besuchen. Es steht gleich am Fluss, hat eine kühle Grotte im Garten und eine Gäste-Insel. Es wird von einem Infostudenten, der während dem Krieg in Frankreich war bewirtschaftet. Er hat mir so eingies erzählt, Quintessenz: der Nationalismus der Serben und Kroaten sei das Problem, nicht ohne zu erwähnen dass man offensichtlich Bosnien und Herzegovina auch mit Gewalt nicht auseinander reissen könne. Am Abend hat er mich zurück nach Mostar mitgenommen, ganz ohne Tricks. Das ist meine erste Reise, wo nach mehr als einer Woche noch niemand versucht hat, mich übers Ohr zu hauen 🙂
Morgen fahre ich nach Dubrovnik in Kroatien weiter.

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