Pristina

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In den Kosovo zu kommen war kein Problem, musste mich nicht mal ausweisen. Im Grenzgebiet ist alles voller Flaggen, der Gipfel war die Albanien-Fahne auf einem Palett Backsteine … Wären nicht die unzähligen KFOR-Posten, wo pakistanische, afrikanische und europäische Soldaten Seite an Seite stehen, müsste man definitiv den Glauben an die Menschheit verlieren. Gegen Pristina wird es besser, es dominieren nicht mehr die nationalistischen Flaggen, vermehrt sieht man auch die Fahnen von Kosovo, Amerika und der Nato.
Gestern war saumässig heiss. Habe mich mal wieder entschieden zu Fuss in die Stadt zu gehen, sah nicht sehr weitläufig aus. Zum Glück bin ich nicht mit dem Flugzeug angereist und musste beim Packen keinerlei Vernunft walten lassen und mich nichtmal auf das exorbitant schwere Stativ beschränken, konnte gleich auch noch ein Zelt mit nehmen. Hab dann statt dem Bulevard Bil Klinton irgendwas anderes erwischt und die Herberge lag auch noch auf einem Hügel und schwer zu finden …
Aber eigentlich ist es wirklich nicht allzu weitläfig und gemütlich. Die Kosovaren sind freundlich und hilfsbereit, Deutsch oder Englisch klappt gut. Ausserdem sind sie offensichtlich kinderliebend, der Kellner in meiner Stammbeiz in der brandneuen Fussgängerzone hat sich trotz Stosszeit viel Zeit gelassen, um ein kleines Kind ein wenig zum zu tragen und ihm ein zu Eis machen. Man sieht den Wagen an, dass die Dispora und Hilfswerke Devisen rein bringen, erstaunlicherweise sind die Preise trotzdem recht tief. Die Löhne auch und vielleicht liegt die Erklährung für die fehlenden schrottreifen Wagen mehr dort … Schliesslich sieht man auch recht viele bettelnde Kinder und Alte. Angehalten wird übrigens nur für hübsche Frauen oder ausnahmsweise ältere Leute. Entgegen allen Erwartungen sind die Strassen auch nicht voll BMWs und Trainerhosen 🙂
In Pristina gibt es ausser eindrücklichen UN-Fuhrparks und UNMIK-Administration nicht viel zu sehen. Es ist sozusagen mein Basislager, um die umliegenden Attraktionen zu besuchen. Im Zentrum steht ein Einkaufszentrum, heisst etwas mit Jugend und Sport und wird vom Bild eines UCK-Kommandanten geziert. Daneben ist die amerikanische Schule, mit Neonlettern, welche die Farbe wechseln und einer kleinen Sternwartenkuppel.

Gebäude der UNMIK

Erst wollte ich ins Humanitarian Community Information Center, aber niemand weiss wo die hin sind und dann ins Kosovo Museeum, aber das war geschlossen und ich bin in der Forstagentur gelandet. Dort trat gerade der Nachtwächter seine Schicht an, er war früher in Deutschland und meinte, er kenne den Nachtwächter des Museeums, er würde mit ihm sprechen, dass ich das Museeum abends um halb sieben besuchen könne. Der Forstengeneur hat mich dann eingeladen und wir haben zusammen den Feierabend verbracht. Er war in Tirana und Belgrad, lebt mit drei Freunden zusammen in einer WG, Serben und Albaner zusammen. War heute im Museeum, schön eingerichtet, aber klassisches Scherbenmuseeum. Ein Teil der Ausstellung scheint in Belgrad fest zu stecken.
Es folgt mein Versuch, die bewegte Geschichte dieser Region zusammen zu fassen: In der Antike lebten hier die Dardanen, ein illyrisches Volk. Die Albaner verstehen sich als Nachkommen dieses Stammes und ihre Sprache ist die letzte auf dem Illyrischen basierende. Aus ihren Reihen gingen nach Querellen mit Slaven Kaiser vom christlichen Byzanz hervor. Dann war es Zentrum des serbischen Königreich und wurde mit ihm von den Osmanen erobert. Unter der Herrschaft der Türken rückten islamisierte Albaner den verlassenden Serben nach, wobei sich auch Mönche in die Berge Kosovos zurück zogen. Ihre Kloster sind heute auf der roten Liste der gefährdeten Weltkulturguterbe. Im zweiten Weltkrieg war Kosovo Teil Albaniens (das wiederum italienisch war), nachher hat es zu Jugoslavien gehört.
Unter Milosevic gab es keine albanischen Schulen und kaum albanische Beamten und die Rückerlangung der Autonomie wurde 1995 in Dayton ausgeklammert, obwohl die kinderreichen Kosovo-Albaner mittlerweilen 88% der Bevölkerung ausmachen. Es kam zu Kämpfen zwischen serbiens Militär und der UCK und Flüchtlingswellen. Um eine humanitäre Katastrophe ab zu wenden hat die NATO 1999 strategische Ziele in Serbien bombardiert, unter anderem eine Brücke in Varvarin. Die fünfzehn Toten wurden zu Märtyrern. Kosovo wurde besetzt und ist seither ein UN-Protektorat. Seither kehrten viele zurück oder wurden abgeschoben. 2004 konnte die NATO eine neue Welle der Gewalt gegen die verbliebenen Serben und Zigeneuer nicht verhindern. Im letzten Februar hat das kosovarische Parlament die Unabhängigkeit erklährt — sofern man etwas erklähren kann, wenn auf eine kosovarische Polizeipatrouille vielleicht fünf UN-Fahrzeuge kommen … Der serbische Norden hat darauf ein eigenes Parlament gegründet und der Status von Kosovo ist nach wie vor umstritten.
Ich hatte noch nie derart das Gefühl wie hier, dass sich die Geschichte einfältig wiederholt und dann hört man sogar Serben oder Kosovoalbaner aus der Schweiz sagen, sie verstünden dass die Türken die Kurden unterdrücken, schliesslich wollen die ihr Land kaputt machen …

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