Skopje

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Gestern morgen hat die Dame von der Reception geklopft, um zu fragen ob ich denn diese Nacht auch bezahlt hätte und es mir dann doch nicht zu glauben … Statt diskret nach zu sehen liess sie mich sp¨ter beim Checkout noch auf ihren Chef warten, der es Minuten später in ihrem Buch tatsächlich entdecken konnte … Als sie auch noch Geld wollten, um meinen Rucksack knapp eine Stunde länger als die Checkout-Zeit auf zu bewahren hatte ich die Nase gestrichen voll und fuhr mit dem nächsten Bus nach Skopje. Aber eigentlich war es eine gute Unterkunft, wenn man auf warmes Wasser verzichten kann („in einer halben Stunde“ 😀 ) und keine Probleme damit hat, dass einem jemand rauchend das Bett macht … Da Serbien Kosovo zwar nicht anerkennt, aber auch keinen eigenen Zoll hat bin ich eigentlich illegal ausgereist und habe keinen Exit-Stempel im Pass.
Das historische Mazedonien lag in Mazedonien, Bulgarien und hautpsächlich Griechenland. Weil auch eine griechische Provinz den Namen trägt sind diese sauer auf ihre nördlichen Nachbarn und haben deren Eintritt in die NATO verhindert. Danach gehörte Mazedonien abwechselnd zu Byzanz und Bulgarien. Später wurde es osmanisch und die ansässigen Albaner wurden grossteils Muslime. Zur selben Zeit kamen die ersten Roma aus dem Norden Indiens in der Region an. In den ersten Kriegen im Balkan gegen die Türken war Mazedonien Schlachtfeld und wurde danach zwischen Griechenland und Serbien aufgeteilt. Mazedonien war danach nach Kosovo ärmste Region Jugoslaviens und wurde 1992 als einzige Provinz unblutig unabhängig und pflegt nach wie vor gute Beziehungen zu Serbien. Viele Serben und Bosniaken sehen Mazedonien als heile Welt, aber auch hier schwelgt der Konfligt mit der ständig wachsenden albanischen Minderheit, die in rund 30 Jahren gleich gross sein wird. Angeblich gibt es in Skopje Mittelschulen, deren Schüler-, Lehrerschaft und Namen in einer stündigen Mittagspause komplett ausgewechselt werden …
Skopje ist eine gute Zusamenfassung meiner bisherigen Reise: Hügel mit Befestigung, Hügel mit Kreuz, alte Brücke zwischen osmanische Moscheen mit Basar und moderne Fussgänger Zone, Hamame (jetzt Kunstausstellungen), Karawansereien, albanische Flaggen und Mutter Theresa-Statue, Kyrillisch, vereinzelt UN-Wagen, kommunistische Architekturkunst und etwas Zerstörung, wenn auch ungewohnt durch ein Erdbeben. Die Skopjer meinen ihr National Theater sei wie das Opernhaus von Sidney, einfach mit Ecken 🙂 Man kann sich auch ein Snowboard kaufen, bei gut dreissig Grad selbst jetzt am Abend und sieht viel weniger Heimkehrer, dafür mehr Touristen.
Das Scherben- und Klamottenmuseeum ist eidrücklich, man kann ewig durch Epochen und Regionen spazieren. Ausserdem ist der Teil mit den Ikonen auf angenehme 27 Grad runter gekühlt. Wichtigstes Ausstellungsstück ist ein byzantinischer Krug mit Penis-förmigem Ausguss. Ich konnte erst beim Verlassen ein Ticket erstehen, der Verkäfer war gerade in Pause und hat nichtmal von seinem Rennspiel aufgesehen, als ich eingetretten bin. Überhaupt hat der Kommunismus seine Spuren hinterlassen, der Staatsapperat sei extrem aufgebläht und die Leute nicht nach Fähigkeit sondern nach ethnischer Herkunft ausgewählt worden. Die Leute an der Reception der Jugendherberge (an einer Strasse namens Prolet 😀 ) sind zwar freundlich und hilfsbereit, aber sie denken keinen Millimeter mit. Das Ticket fürs Frühstück musste ich extra nochmal zurück abholen gehen und den Studentenausweis haben sie eingesackt, obwohl es fast überall in der Stadt Ermässigungen gäbe. Rechnungen in Restaurants und Ampeln lassen sich hier auch ewig Zeit 🙂
Gegen Abend fuhr ich in den Vorort Sutka raus, mit 40`000 Einwohnern die grösste Roma Siedlung Europas. Dort sind kleine Hütten bis grössere Villen angesagt statt Plattenlöcke. Mit dem Reiseführer in der Hand wurde ich für einen Missionaren gehalten. Davon scheints dort einige zu haben, hatte ich den Eindruck … Die Leute leben mehr in den Vorgärten und auf der Strasse, überall sind improvisierte Wäscheleinen und auch mal ein Fuhrwerk, eine Hochzeit oder eine Frau mit Kopftuch am freizügige Abendkleider verkaufen. Es ist einfach etwas bunter, dreckiger und lauter 🙂 Alle Männer sind tättowiert. Leider war der Markt schon menschenleer, als ich kurz nach vier ankam. Auch die Altstadt ist ziemlich tot, angeblich seit die Albaner übernommen haben, früher waren dort die Kaffees rund um die Uhr offen. Das hat nun sogar die UNO bemerkt und ein Projekt zur Wiederbelebung gestartet. Die Leute sind aber auch hier abends draussen, ist ein wenig wie in Bern während der EM 🙂

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2 Antworten to “Skopje”

  1. Franziska Says:

    Lieber Philipp
    Wieder einmal lese ich den Pflog zu Hause. Bettina hat ihn ab und zu nachgeschickt, postlagernd Eriz. Deine Berichte finde ich immer sehr interessant, auch wenn ich nicht alles genau begreife. Wie sehen deine Reisepläne jetzt aus? Ich wünsche dir jedenfalls weiterhin eine gute Reise. Behalte bei Unannehmlichkeiten den Humor.
    Wir verbringen ab heute noch eine Woche im Gwatt, Familienferien.
    Herzliche Grüsse mam und Hansueli

  2. Geri Says:

    Ärger habe ich ja fast keinen 🙂 Die naechsten paar Tage verbringe ich in Ohrid, Mazedonien. Dann fahre ich nach Albanien, wahrscheinlich von unten nach oben und von Tirana aus nach Zagreb, Lubljiana oder nach Hause, je nach Zeit. Und für Fragen und sowas gibt es ja die Kommentarfunktion … Schöne Zeit i Gwatt.

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