Tirana

by

Die Niederschlagsmenge war zwar immer noch bescheiden, die Temperaturen wären auch angenehm und es gibt hier unten immer wieder Aufhellungen. Aber an den Bergen hingen die Wolken bis weit runter und da mich Felsen anstelle von markierten Wegen erwarteten, übte ich mich in Vernunft und liess ich die Sache bleiben … Mittags nahm ich einen Bus nach Tirana und habe somit wieder zu den drei Franzosen aus Bukarest aufgeschlossen. Habe sie in Skopje getroffen, dann haben wir in Ohrid zusammen gegessen und waren nun in Tirana zusammen unterwegs. Sie fuhren vorhin nach Montenegro weiter, um morgen einen Freund in Dubrovnik zu treffen.
An der albanischen Grenze mussten wir pro westlichen Tourist einen Euro zusammen kratzen, eine Stunde später wurden wir rein gelassen. Beim Hotel gleich nach der Grenze sah ich zum ersten mal eine slavische neben der albanischen Flagge. Hier geht sogar Heiraten ohne Albanien-Fahne, man belächelt die Kosovaren (niemand spricht hier von Kosovo-Albanern) als ein wenig rückständig. Die Grenze ist in den Bergen und alles voller Bunker. Während dem Kommunismus wurden schätzungsweise 700 000 dieser fünf Tonnen schweren Beton-Pilze gebaut. Sie ertragen Panzerbeschuss (beim Test habe sich der Engenieur reingestellt) und sind kaum zu entfernen. Heute haben sie keine Aufgabe mehr, ärgern die Bauern und man sagt, dass mancher Albaner in so einem Bunker seine Unschuld verloren habe … Die Fahrt ging danach durch Durrëssi (Mollorca für Albaner) nach Tirana.

Fassade IV

Auch hier sieht man die Fingerabdrücke des Kommunismus in der Architektur, aber die meisten Blöcke sind sehr farbenfroh angemalt. Begonnen damit hat der Bürgermeister persönlich — er sei Maler, Basketballer und Rapper, habe ich gehört 😉
In Tirana gibts sonst nicht allzuviel zu sehen. Ein Geschichtsmuseeum, ein Kunstmuseeum, eine alte Moschee (der Rest wurde während dem Kommunismus zerstör) und ein paar neue Sakralbauten. Ich verbringe ziemlich viel Zeit im Swiss Chalet, bei einem Freiburger, der eine Albanerin geheiratet hat (sie blieb in der Schweiz 😉 ) und nun hier ein Restaurant in Gang bringen will. Es steht mittem im hippen Ausgangs-Quartier, das früher Parteimitgliedern vorbehalten war. Im Moment wartet er (und ich damit 🙂 ) auf eine Lieferung Käse.
Strom, Wasser und Internet können hier schon mal ausfallen, Addressen sind mangels Hausnummern auch nicht einfach zu finden. Würde man nicht denken, es fahren fast ausschliesslich anständige Wagen rum. Viele SUVs auch hier, wobei die Strassen als Grund durchgehen. Man merkt hingegen, dass es Führerscheine erst seit wenigen Jahren gibt. Hier wird nichtmal für eine rote Ampel mit Polizisten angehalten. Aber das Schlusslicht in Europa konnten sie an Moldawien abgeben.
Zum Schluss wie gewohnt etwas Geschichte, davon hat auch Albanien genug … Die Wurzeln der Albaner gehen auf illarische Stämme zurück, die Griechen hatten auch eine paar selbstverwaltende Kolonnien in dem Gebiet. Gerade als sich diese Stämme organisieren wollten sind die Türken eingefallen. Man hat sich unter Skanderbeg organisiert und konnte den Vormarsch um 26 Jahre hinauszögern. Sie brüsten sich Europa vor der Eroberung durch die Osmanen gerettet zu haben. Nach der militärischen Niederlage einigten sich die wichtigsten Schriftsteller auf römische Schriftzeichen und begannen so die Albaner kulturell zusammen zu schweissen. Albanien wurde zum Schlachtfeld, als die Slaven die Osmanen vertrieben. Unabhängigkeitsbestrebungen gab es immer, der Plan wurde aber beeinträchtigt, als Serbien Kosov übernahm. Im ersten Weltkriegt zerbrach das Land in sich bekriegende Kleinstaaten.
1920 wurde Tirana Hauptstadt, ein orthodoxer Priester konnte es etwas einen. Er wurde vom Innenminister Ahmed Bey Zogu gestürzt, der sich König Zog I nannte und mit Hilfte Italiens das Land aufbaute, bis es eigentlich eine italienische Kolonie war. Italienische Siedler zogen in den fruchtbaren Süden und italienische Berater übernahmen die Geschäfte. Zog selber wurde etwas exzentrisch, seine Mutter war Küchencheffin aus Angst vor Gift, er spielte exzessiv Poker, rauchte 150 Zigaretten pro Tag und schoss bei einem Attentat gar zurück. Mussolini liess Albanien im zweiten Weltkrieg erobern.
In Albanien erwachte der Wiederstand gegen die Faschisten als erstes. Eine kommunistische Partei mit Enver Hoxha als erstem Sekretär wurde gegründet, später eine Volksrepublik kurz darauf auch, als erster atheistischer Staat. Tito wollte Albanien in Jugoslavien haben, aber Albanien fand Stalins UDSSR einen sympathischeren Verbündeten, bis Chruschtschow eine Basis an der Küste aufbauen wollte. Danach orientierte sich Albanien an China, wobei Hoxha wieder Rivalen als feindliche Spionen los wurde, wie er es nach dem Bruch mit Jugoslavien tat. Nach dem Tod Maos hat ihn Hoxha als Revisionisten und Rassisten abgetan, die Beziehungen abgebrochen und Albanien wurde komplett isoliert und es kam vermehrt zu Nahrungsknappheiten.

Ehemaliges Hoxha Museum

Nach dem Tode Hoxhas 1985 rutschte Ramiz Alia nach. Die Regierung war unterdessen völlig eingeschlafen. 4500 Albaner flüchteten in Botschaften und durften nach Verhandlungen mit der Polizei das Land verlassen. Sie leben nach wie vor in Italien. Es kam zu Protesten von Studenten, andere Parteien wurden zugelassen und 1992 wurden die Kommunisten abgewählt. Gestohlene Mercedese wurden importiert, Kollektivfarmen zu Marijuana-Plantagen und Vlora zum Hafen für illegale Migration nach Europa. Pyramidensysteme wurden aufgezogen und als die zusammenbrachen verloren 70% der Albaner ihr Vermögen. Es kam 1997 zu einem Volksaufstand. Die Übergangsregierung bat um ausländische Truppen, um die Zerstörungen und Plünderungen zu stoppen. 1999 wurde Albanien mit einer halben Million Kosovaren überschwemmt, internationale Hilfsgelder kamen ins Land und seither geht es aufwärts.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

3 Antworten to “Tirana”

  1. lüku Says:

    700’000 bunker isch isi 🙂 do isches pratkischer weme aupe het, die chame diskret ushöle und de pure isch ou nüt im weg.
    gruess 🙂

  2. Geri Says:

    Ju, d Baerge heisi suesch gloub einigermasse i Rueh gla, aber zum Teil hets ungerirdische Tunnel drzwuesche … U unger Tirana gitts schins ae grosse Bunker. 2005 heisi no irgendwo e raechti Maengi chemischi Waffe gfunge …

  3. Coeur Says:

    Moin,

    da kann ich ja lange ausschau nach dir halten 😉
    …aber habe es mir schon fast gedacht, dass du wieder als Weltenbummler unterweges bist.

    Ich wünsche dir weiterhin eine erlebnisreiche Reise 🙂

    lg
    Coeur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: