Archive for the ‘Bosnien & Herzegovina’ Category

Mostar

Juli 1, 2008

Als ich in Sarajevo auf ein Tram für den Bahnhof wartete, hat mir ein Taschendieb den kleinen Rucksack geöffnet. Abgesehen davon, dass es dort ausser meinem alten Handy nichts zu holen gibt war er so ungeschickt, dass ich es bemerkt habe. Die Fahrt im Bus war heftig, Klimaanlage ging nicht. Die Gegend ist immer weniger Emmental und immer mehr Mittelmeer. Ich bin bei einem pensionierten Professor für Deutsch und Französisch unter gekommen. Er trauert dem osmanischen Reich nach und hat Mühe mit der Hitze, das Klima sei nicht mehr was früher. Aber er weiss alles und was er nicht weiss findet er mit einem Telefonat heraus.
Mostar war auch einmal eine durchmischte Stadt, wurde erst von den serbischen Paramilitärs angegriffen und als sich die Bosniaken mit den Kroaten verkrachten nochmal heftig bombardiert. Die Zerstörung ist um einiges grösser als in Sarajevo, aber zumindest für mich weniger bedrückend — Bomben sind weniger persönlich und die Ruinen könten (abgesehen von einem ausgebrannten Hochhaus) auch auf dem Forum Romanum stehen … Auf jeden Fall haben die Kroaten die Muslime auf die andere Seite des Flusses vertrieben, symbolisch die 500 jährige Brücke in der Altstadt gesprengt und seither leben sie getrennt. Während die Altstadt wieder aufgebaut wurde liegt die ehemalige Front immer nochin Schutt und Asche. Dafür haben die Kroaten eine Platten-Kirche aufgestellt, mit gewöhnungsbedürftigen Proportionen, dank „Mein Turm ist länger als dein Minarett“-Mentalität. Auf den Hügel dahinter haben sie ein weisses Kreuz gepflastert. Ein Muslime wird zitiert, dass er damit gut leben könne, beim Blick aus dem Fenster nach dem erwachen fühle er sich wie in Rio. Und ein Goof knattert mit einer Spielzeug-MP durch die Gassen, wobei mein Favorit für den Vater des Jahres schreit „er schiesst nicht auf dich, er schiesst auf das Kreuz!“ (aus dem Bosnischen von mir 😉 ). Immerhin können sie einander nun wieder besuchen ohne verprügelt zu werden …
Das Zentrum von Mostar war und ist wieder diese Brücke, ein filligraner Bogen gut 20 Meter über dem Fluss Neretva. Sie wurde beim zehn Jahre dauerneden Bau mehrmals weg gespühlt. Je nach Legende soll sich der Bauherr aus dem Staub gemacht oder darunter gestellt haben, als die Gerüste entfernt wurden. 2003 wurde sie wieder aufgebaut, mit der selben Technik wie damals. Dabei wurden unzähliche archäologische Schätze gefunden, unter anderem das Fundament einer älteren Brücke. Früher fand einmal im Jahr ein Fest statt, wo Jünglinge aus ganz Jugoslavien runter gesprungen sind, heute verdienen sie mit Rungerspringen als Touristenattraktion. Darum ist die Altstadt, wo früher orientalische Handwerker waren und heute Kitsch Touristen verkauft wird. Dagegen war Sarajevo touristisch unberührt. Immerhin spielt die Konkurenz, die Preise sind in Mostar eher tiefer 😉

Brücke von Mostar

Heute Nachmittag war ich noch in Blagaj, einem Dort in der Nähe. Dort entspringt ein Fluss, was ein Derwischen-Kloster anzog. Darüber wacht ein Hügel mit Ruine, der Schweizer in mir musste natürlich hoch. Die Aussicht wars wert. Das Haus vom osmanischen Bürgermeister kann man auch besuchen. Es steht gleich am Fluss, hat eine kühle Grotte im Garten und eine Gäste-Insel. Es wird von einem Infostudenten, der während dem Krieg in Frankreich war bewirtschaftet. Er hat mir so eingies erzählt, Quintessenz: der Nationalismus der Serben und Kroaten sei das Problem, nicht ohne zu erwähnen dass man offensichtlich Bosnien und Herzegovina auch mit Gewalt nicht auseinander reissen könne. Am Abend hat er mich zurück nach Mostar mitgenommen, ganz ohne Tricks. Das ist meine erste Reise, wo nach mehr als einer Woche noch niemand versucht hat, mich übers Ohr zu hauen 🙂
Morgen fahre ich nach Dubrovnik in Kroatien weiter.

Gespräche

Juni 30, 2008

Gestern war noch ein weiterer in der Schweiz lebender Bosnier rum. Er wusste offenbar von mir und hat sofort gefragt „wie gehts? Wie gehts Blocher?“ Kaum war ist ihn zuhause los, holt er einem wieder ein … Er hat dann noch etwas von „klassische Idiot halt“ gemeint und ging dann zu „und wo ist bosnische Schatzi? Wenn ich jung war hatte ich zwei“-Scherzen über 😉 Zum Abschied wünschte er „alles Gute und Grüsse an die Familie. Und Grüsse an Blocher!“ Als ich abwinke grinst er „Doch, auch an die Bandite!“
Ich distanziere mich natürlich von seinen Aussagen (in welche Richtung dürfte durchschimmern 🙂 ) und freue mich im Voraus über all die Google-Treffer von Leuten die nach „Blocher, Bordell“ und ähnlichem suchen 😀
Eigentlich wollte ich heute früh raus, aber da habe ich mir den falschen Finger verbunden. In Sarajevo gibts vor neun höchstens Frühstück … Gabs halt Burek (Hackfleisch-Kuchen), ein halbes Kilo wäre genug für mich meinten sie. Mein Bauch gibt ihnen nach wie vor recht. Hoffe die Spanier haben Euch etwas Schlaf gelassen, das Spiel war jedenfalls nicht gerade aufregend, oder? Aber die Beton-Werbung zur Halbzeit hats für mich gerettet 🙂 So, ich suche mir einen Bus für Mostar.

Sarajevo

Juni 29, 2008

Ich bin mit einem Paar aus Kanada eingetroffen. Als der Typ am Schalter nicht Englisch sprach, gaben sie auf. Als ob das nötig wäre, um nach Bancomat und Bushaltestelle zu fragen. Sie hatten ein Zimmer reserviert und via Internet bezahlt, aber den Bancomaten hatten sie nicht vertraut. Erster Trip halt 😀 Ein Polizist musste uns die Herberge zeigen und die Reservation kam natürlich nicht an, wobei sie jetzt mich rausgeschmissen und die beiden in mein Zimmer gesteckt haben. Ihr Französisch war ziemlich anspruchsvoll 😉 Ich bin jetzt im Hotel eines ehemaligen Flüchtlings, der in Fribourg war.

Sarajevo

Die Hauptstadt Sarajevo liegt in einem breiten Tal, umgeben von sanften Hügeln mit teils wilden Felsen. Sowohl die wirklich üblen, als auch die wirklich bonzigen Wagen sind weitgehend von der Strasse verschwunden, der VW Golf dominiert. Hösschen und Röckchen sind etwas länger geworden, man sieht auch Kopftücher und ganz vereinzelt Burkas. Hier leben Bosniaken, Kroaten und Serben. Man kann sie weder am Aussehen (abgesehen von den Kopftüchern) noch an der Sprache unterscheiden und bis vor dem Krieg waren auch gemische Hochzeiten normal. Die einen sind Muslime, die anderen Katholiken und die letzten Orthodoxe. Die Stadt ist eine vielfältige Mischung dieser Kulturen, mit Gotteshäsern aller Art und einem kleinen Basar mit Handgemachtem für Touristen. Die Muslime haben in den 400 Jahren unter den Türken wohl einigermassen freiwillig zum Islam konvertiert und Juden haben sich auf der Flucht vor der Inquisition hier zur Zeit des osmanischen Reichs niedergelassen. Die Stadt war vor dem Krieg als europäisches Jerusalem bekannt.

Orthodoxe Kathedrale

Brunnen der Gazi-Husrevbey Moschee

(Achtung Geschichte!) Ende 19. Jahrhundert entstand die Idee der südslavischen Nation. Es kam zu Revolten und mit Hilfe der Russen wurden die Türken 1878 vertrieben. Bosnien und Herzegovina wurde von Österreich und Ungarn besetzt, bis 1914 der junge bosnische Serbe Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo erschoss, was zum ersten Weltkrieg führte. So hatte Sarajevo vor Wien elektrische Strassenbeleuchtung — man hat der Elektrizität misstraut und wollte sie abseits ausprobieren. Bosnien und Herzegovina gehörte nach dem ersten Weltkrieg zu Yugoslavien (was erst ein Königreich und dann ein kommunistischer Staat unter Tito war).
1990 hielt Milosevic seine Rede und entfachte damit eine Welle des serbischen Nationalismus. Slovenien und Kroatien waren noch nicht lange unabhängig und hatten nun mit serbischen Paramilitärs zu kämpfen. Die Welle schwappte bald nach Bosnien über, wo die Kroaten und Muslime gemeinsam die Wahlen gewohnen haben und 1991 die Unabhängigkeit proklamierten. Die Republika Srpska (RS) wurde gegründet und Sarajevo während gut drei Jahren mit Mörsern und Heckenschützen belagert. Ruinen prägen nach wie vor das Stadtbild und exponierte Fassaden sind übersäht mit Einschusslöchern der Scharfschützen, die aus den Hügeln Passanten auf der Suche nach Wasser oder beim Anstehen für Brot wie Tontauben abgeschossen haben. An der Belagerung starten gut 10’000 der guten halben Million Einwohner der Stadt.
Die UNO hat 7500 Nasen entsandt. Um Essen und Fensterfolien zu verteilen wurde auch der Einsatz von Gewalt erlaubt. Man konzentrierte sich auf den Kampf gegen serbischen Paramilitärs, aber seit 1993 waren auch die Kroaten und Muslime zerstritten. Die Brücke von Mostar geht aufs Konto dieser zweiten Front. Das Massaker von Sebrenica mit 7500 Toten und ein weiterer Anschlag auf einen Markt in Sarajevo brachten das Fass zum Überlaufen. Ein Ultimatum verstrich, erst das darauf folgende, zwei Wochen dauernde Bombardement brachte die RS an den Verhandlungstisch. 1994 wurde das Terretorium im Abkommen von Dayton halbiert, seither ebbte die Gewalt ab und kommen sich die Etnitäten wieder näher.
Man ignoriere oder verzeihe die Geschichtslektion, aber mir gehen die Einschusslöcher, Sarajevo-Rosen (Einschlagskrater der kleinen Möser, teils mit rotem Beton gefüllt) und Ruinen nahe, das Obligatorische (für Unwissende, das alljährliche Heckenschützen-Training für ehemalige schweizer Soldaten) wird mir dieses Jahr besonders wenig Freude bereiten … Zum Glück sind viele schöne Gebäude sind noch intakt oder wurden wieder in Stand gestellt und der Tourismus floriert, mit allen Auswüchsen. Gestern habe ich eine anglophone Reisegruppe gesehen, die orthodoxe Kathedrale trotz Gottesdienst besichtigt hat … Ich war auch im nationalen Museeum, mit archäologischer, ethnologischer und naturhistorischer Abteilung. Die Sammlungen an ausgestopften Tieren, Insekten, Muscheln und Steinen war zwar teils etwas verstaubt und düster, aber ihr Ausmass ist absolut beeindruckend. In den umliegenden Hügeln fanden 1984 die olympischen Winterspiele statt und man hat wunderbare Aussicht (und weiss dann auch gleich welche Kreuzungen nur im Schutze eins UN-Panzers überquert werden konnten und welcher Strassenabschnitt Sniper Valley hiess).