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Detroit

März 19, 2017

Freitag Mittag war die Konferenz vorbei. Xavi und ich haben uns den Rückflug ab Detroit eingerichtet und gingen einen Wagen mieten. Den kleinsten den es gab, einen Toyota Corolla. Die Frau am Schalter wusste nicht wie man in die nächste Grosse Stadt kommt (I live around the corner and don’t get around much), dafür konnte sie uns sagen was unsere Versicherung abdeckt: anything you crash into, but not our vehicle. Als ich nochmal zurück ging um zu fragen was denn S und B an der Schaltautomatik bedeuten hat sie mich nicht mehr erkannt und gemeint P is for park, R for reverse and D for drive.

Wir sind dann ohne S und B nach Waldo gefahren, einem kleinen Dorf das uns die freundlichen Leute vom Institut wegen den Baloney Sandwiches empfohlen haben. Baloney ist phonetisch für Bologna und Bologna ist Lyoner und die Sandwiches sind wie Hamburger, aber statt Hammburger ist eine gut zwei Zentimeter dicke Lyonerscheibe drin. Kaum einen Umweg wert (Xavi fragt sich immer noch was Bologna denen angetan hat dass sie sowas danach benennen), aber die Spunte war herrlich und das Kaff auch. Laut den Öffnungszeiten war zu, also wollten wir in der Garage gleich über die Strasse nachfragen. Das Tor voller NRA-Kleber war auch zu, aber einer hat sehr misstrauisch zum Fenster rausgeäugt. Dann haben die beiden Rednecks sich dahinter aufgestellt, das Tor langsam hochgelassen und „can we help ya?“ Da sei schon offen, wir sollten einfach rein und have a good day 🙂

Wir fuhren weiter Richtung Berlin, dem Zentrum der Amischen Ohios. An den Hauptstrassen sind vorallem kitschige Läden, aber der freundliche Herr der gerade das Kulturzentrum am schliessen war hat uns noch gesagt dass sie hier trotz all dem Schweiz-Kitsch Schwäbisch sprechen und von der grossen Pferdeauktion in Mt. Hope erzählt. Der Käse in Heiri’s Cheeseshop mit Berner Bär auf blauem Grund war nicht wirklich besser nur weil er von Frauen in Röcken mit Haube verkauft wird, aber die Pferdeversteigerung war herrlich. Hauptsächlich Amische, alle gleiche Kutte, gleicher Hut, gleicher „Haarschnitt“ und kaum moderne Technik. Wie im Fernsehen hat einer den aktuellen Preis gesungen während die Pferde in der Mitte vorgeführt wurden. Dazwischen paar gefürchige in Tarnkleidung, die Amischen nennen sie „the English“. Wir haben uns etwas mit einem Amischen in seinem Laden unterhalten, freundliche Leute und stolz dass sie von Reisenden aus so vielen Ländern besucht werden.

Da wir wenig Zeit hatten sind wir Richtung Norden gefahren, um in Bowling Green zu übernachten. Es war saumässig kalt, wir waren sehr müde und haben in einem schmucken Kaffee an der Bar gegessen, als wir plötzlich gemerkt haben dass wir im falschen Bowling Green sind — das Massacker fand in Bowling Green, Kentucky nicht statt. Es hat eine lange Weile gedauert, bis wir uns wieder ohne zu Lachen ansehen konnten …

Am Samstag fuhren wir nach Michigan. Kaum über die Grenze sind die Strassen furchtbar. Wir fuhren direkt ins Henry Ford Museum, eine Mischung aus Nostalgie, Landmaschinen, Dampfmaschinen und vielen, vielen Autos. Die Texte sind vielleicht etwas angestaubt (Our cars, our video games, our frozen food, and our clothes are all impossible without electricity 😉 ), aber Umweltthemen wurden erstaunlich kritisch behandelt. Auch die Arbeitszeiten der Fabrikarbeiter — aber beim Kapitalismus war fertig kritisch.

Auch in Detroit war es saukalt, wir haben den Rest vom Samstag die schwarzen Dodge der Polizei bestaunt und in der Hochbahn Runden gedreht. Wir wollten noch auf ein Konzert oder so, aber die waren alle sehr früh, unsere Geschmäcker könnten kaum verschiedener sein und so sind wir schlussendlich einfach im Motel eingepennt. Das Motel war recht schäbig, fertig freundlich. Dafür war im Erdgeschoss ein tolles Diner wo man nur Frühstücken konnte (teils brauchen sie Worte schon etwas seltsam für uns, den Hauptgerichten sagen sie auch Entrees …), die Pfannkuchen, Rühreier, Rösti (Hash Browns sagen sie dem) und French Toast waren aber das beste was ich drüben gegessen hatte. Ausserdem war die Kundschaft durchmischt. Obwohl Detroit 80% schwarz ist kann man dort ohne Probleme Tage unter Weissen verbringen …

… Zum Beispiel an der St. Patricks Parade, mit Rasenmähern, Bulldog-Verein, Dudelsäcken, irischem Tanz und ganz viel Bier. Dann haben wir bei Whole Foods etwas höhlengereifter Gerierzer gegessen und uns das Heidelberg Projekt angeschaut. Dort hat vor dreissig Jahren ein dreissig jähriger Soldat mit seinem Grossvater und Kindern aus der Nachbarschaft Häuser angemalt als Zeichen gegen den Zerfall. Leider hat der Zerfall dem Projekt auch ziemlich zugesetzt und der Rest soll bald verschwinden.

Wie das Eishockey Stadion, wo wir am Abend die Red Wings gesehen haben. Für das Spiel wurden überall Parkplätze aufgemacht und mit teils absurd unterschiedlichen Preisen angeschrieben. Bei einem haben wir einen fast Zahnlosen gefragt ob es denn realistisch sei noch Tickets zu kriegen und der hat gemeint „yes, they’re loosing“. Wir haben beim Schalter nach Tickets gefragt, die wollten 85 pro Person. Als das Spiel dann langsam los ging haben wir bei einem Händler davor für 60 zwei Karten gekriegt. Und wie waren wirklich loosing, mussten aber auch gegen die Rangers von der Tabellenspitze spielen. Ich musste mir nicht allzu viel ansehen, die Frau neben mir wollte alles über unsere Arbeit wissen, obwohl sie erst gemeint hat darüber würden wir sicher nicht sprechen, als ich gesagt habe dass ich mathematische Biologie mache. War eine überraschend intelligente Unterhaltung, insbesondere über Evolution, was ich eigentlich umschiffen wollte um keine bierseeligen Rednecks zu provozieren 😀 Sie ist überigens extra von Kanada rüber gefahren um das legendäre Stadion nochmal zu sehen 🙂

Wir liessen den Abend in einer Bar bei wüstem Detroit Cheese Steak (Schuhsole mit gelber Masse drauf) ausklingen. Nicht mehr viel war offen, aber diese Bar war ganz sympathisch. Durchmischte Besucher, aber die Angestellten bis auf den Türsteher weiss. Hinten waren ein paar Bowling bahnen. Vorne haben ein paar gesungen und zwar so gut dass wir erst beim rausgehen auf dem Schild gesehen dass da Karaoke-Abend war 😀

Über Nacht ist Schnee gefallen, entsprechend früh und langsam haben wir uns auf den Weg zum Flughafen gemacht. Auf die Frage nach einem Besen um den Wagen vom Schnee zu befreien hat die Frau an der Rezeption ihre Kollegin gefragt ob sie sowas ausleihen und die hat „no“ gesagt, keine weiteren Worte von den Beiden. Zum Abschied hat einer direkt vor seinem Zimmer auf den Parkplatz gekotzt. Am Flughafen hat es eine Strasse mit riesigen Parkplätze um Mietwagen zurück zu geben, inklusive Shuttle-Bus zum Flughafen.

Am Flughaben sind die Weissen wieder weitgehend unter sich. Ich sass im Flugzeug neben einem der wenigen Schwarzen und der wusste nicht wie den Gurt schliessen. Dafür hat er dann mit seiner Frau Schach gespielt. Umsteigen im sommerlichen Miami, der letzte Flug liess auch noch zwei Stunden auf sich warten. Das Essen im Flug (und alles seither) war wunderbar — wie die diesen Frass hinkriegen, obwohl das Bier überall super ist, bleibt mir ein Rätsel …