Posts Tagged ‘Katalonien’

Propaganda

Oktober 30, 2017

Inspiriert duch einen Artikel hier einen Vorgeschmack der medialien Diät, die uns so vorgesetzt wurde. Wüste Sachen, seid gewarnt!

Die Separatisten:

Das öffentlich-rechtliche katalanische Fernsehen (die Schauspielerin imitiert spanische Vizepräsidentin, die unterdessen Katalonien regiert):

Die Unionisten:

Wer hat’s erfunden?

Hier noch ein paar persönliche Eindrücke, damit es nicht zu objektiv wird hier:

Nachwuchs

Unterdrückung

Don't flag with my life

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Geschichten aus einem Heisenland

Oktober 8, 2017

Katalonien war nie unabhängig, aber der Traum ist alt und mehrmals wurde eine Katalanische Republik ausgerufen. Geschichte wurde zur Legende, Legende zum Mythos und 86 Jahre lang wusste niemand mehr um den Nationalismus bis er sich eines Tages einen neuen Träger suchte (ja, da ist aus Herr der Ringe 😉 Bis jetzt hat mich das pure Böse in der Geschichte nicht interessiert — aber jetzt kommen mir immer wieder Zeilen in den Sinn: One Ring to rule them all, One Ring to find them, One Ring to bring them all and in the darkness bind them). Eigentlich wollte ich ein Text schreiben, der nur so von Hass trieft, aber der Teil steht auch in den Zeitungen, darum ein paar Geschichten 🙂

Ein Freund, dem man durchaus ansieht, dass er von Mexiko oder so ist, musste sich von einem demonstrierenden Katalanen voller Stolz erzählen lassen, dass es ihre Unabhängigkeitsbestrebungen in der internationalen Presse noch vor das furchtbare Erdbeben in Mexiko geschafft haben.

Beide meine Freunde hier aus dem Balkan können kaum schlafen. Der eine hat mit seiner Mutter telefoniert und als sie auf den Seperatismus zu sprechen kamen hat der Vater mit „nicht am Telefon“ das Gespräch unterbrochen.

Donnerstag waren wir an einem Konzert einer andalusisch-mazedonischen Sängerin, mit Flamenco-Gesang und Balkansound. Schön und emotional. Ich habe mir vorallem vorgestellt wie sich Aufführungen im belagerten Sarajevo angefühlt haben müssen.

Unsere Bank hat uns am Abstimmungssonntag folgendes Video geschickt:

Mittwoch hat sie ihren Sitz nach Alicante verlegt. Donnerstag hat eine weitere Bank ihren Sitz nach Mallorca verlegt, heute scheint’s eine nach Valencia. Wir hatten unser Geld längst in die andere Richtung verlegt … Eine grosse Pharmafirma und die Gas- und Wasserversorgung sind ebenfalls weg gezogen.

Eine Arbeitskollegin von Ste hat, nachdem sie anerkennen musste dass nicht nur die Spanische Propaganda-Presse, sondern die ganze Welt sagt, dass Katalonien nicht automatisch in der EU wäre, gemeint: „Glaubt ihr wirklich, dass unsere Führer nach all den Jahre keine Verträge mit jedem EU-Land haben?“

Ein Arbeitskollege aus Zaragoza hat sich ein Billet nach Hause gekauft, einfach. Er hat nicht mehr ausgehalten keine Meinung haben zu dürfen, ohne von seinen Kolleginnen Nazi genannt zu werden.

Ein Freund von hier, dessen Eltern geheiratet haben, damit sie sich in Francos Gefängnisse Briefe schreiben konnten und der trotzdem kein Separatist ist, der ist bitter enttäuscht über seine separistischen Freunde, die dann doch nicht streiken wollen wenn es kostet (Beamte hatten frei).

Mein Chef hat einem anderen Professoren vorgeworfen, in seinen Ansichten würden die Hälfte fehlen, die keine Unabhängigkeit will. Dieser Antwortete das spiele keine Rolle, die reinen Katalanen wären zu 90% dafür.

Freunde von hier, mit denen ich früher vernünftige Diskussionen führen konnte, grüssen nicht mehr.

Ich habe Franquisten durch unsere Strassen marschieren sehen. Keiner hat etwas gesagt.

Die letzte Stimme der Vernunft sind die undogmatischen Linken (sprich die anarcho-kommunistischen Gewerkschaften). Nur sie kritisieren noch beide Seiten:

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Klischees stimmen!

November 22, 2015

Es ist mal wieder Zeit zum Ausrufen oder um einen viel zitierten Mitarbeiter der Hostel Heart of Gold in Berlin zu bemühen: Klischees stimmen! Beim Putzen habe ich statt dem Kabel aus der Steckdose die Steckdose aus der Wand gezogen. Die Schrauben waren rund ein Zentimeter lang und die Hälfte davon steckte nur in der Farbe …

Und letztens im Gemüseladen ist tatsächlich ein Kunde zurück gekommen, er habe 15 cent zuwenig Rückgeld gekriegt. Dabei hat er noch so ein vorwurfsvolles Gesicht gemacht, Sonntag im Eimer. Und das bei einem von Chinesen geführten Laden, die einen ganz stolz darauf hinweisen dass bei Ihnen das Wasser mas balato ist 🙂

Apropos Schotten, Hostels und Klischees; unsere ehemalige Mitbewohnerin aus Schottland hat sich einmal mit ihrer Freundin aus Frankreich über Liebe machen im Hostel unterhalten. Sie waren sich sofort einig, dass es keine gute Idee ist — aber haben erst nach einer Weile gemerkt, dass nicht beide davon, bzw. dabei, gestört wurden 😀

Dann wäre noch unser Nachhaltigkeitsbüro am Institut. Die haben jetzt alle Birnen im Lift mit Stromsparbirnen ersetzt und die 40% Lift-Licht-Strom-Ersparnisse werden mit riesigen Postern im ganzen Haus gefeiert. Und wir spülen jetzt die Toiletten nicht mehr mit heissem Wasser. Nein, sie haben die Rohre nicht richtig verlegt, sie haben das heisse Wasser einfach abgestellt. Wer braucht schon saubere Hände in einem Labor? Dafür ist es im Moment an meinem Arbeitsplatz 27 Grad — bei beissigen, windigen vielleicht 10 draussen …

Auch bei uns im Treppenhaus haben sie die Lichtzeiten angepasst — ich schaffe es gerade noch bis in den ersten Stock … Die hätten auch besser die kaputte Birne auf unserem Stock ausgetauscht!

Kindergeburtstage sind hier übrigens auch nicht gerade erholsam für die Eltern. Die sind fast jedes Wochenende im Park und die Eltern werden dann auch erwartet. Und prügeln sich auch. Apropos Prügel, Cäsar spricht auch Katalanisch im neuen Asterix.

Dafür haben wir von unseren neuen Bürgermeisterin aus der Hausbesetzerszene etwas gemerkt. Vielleicht. Auf jeden Fall war seit sie gewählt wurde beim Kolumbus immer Basar. Mit dem Rad etwas mühsam, aber Dank Klebstreifen auf dem Boden einigermassen organisiert. Gerüchte sagen die Hafenpolizeit hätte sich wegen zuwenig Mitgliedern geziert. Und jetzt plötzlich stehen rund um die Uhr mehrere Mannschafts- und Streifenwagen rum und machen Fotos von posierenden Touristen, die keine Selfie-Sticks mehr kaufen können …

Und auch hier wird langsam Herbst, statt Schnee fallen aber nur Blätter. Verdecken die Hundescheisse auch … Der Golf sprang nach längerem rumstehen mal wieder nicht an, hat aber nur etwas Strom gebraucht. Dafür liegt der Garagist schwer krank im Spital und musste die Garage verkaufen. Ausserdem ist in den Bergen mehr Jagd- als Flugwetter. Die sind hier nicht gerade diskret unterwegs, statt Tarnfarben tragen sie orange und statt Peng machen sie Peng, Peng, Peng, Peng …

Wir haben uns dafür vom Parawaiten etwas auf das Kitewaiten verlagert und wollen in der ersten Dezemberwoche noch ein bisschen in den Süden 🙂

25 Jahre Mauerfall

November 16, 2014

Zum fünfundzwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls letzten Sonntag verbrüderten sich hier Kommunisten mit den Christkonservativen. Aber nicht etwa um Grenzen nieder zu reissen, ganz im Gegenteil … Während Erstere mit keiner Handvoll Prozenten in der Bedeutungslosigkeit rumdümpeln, sprangen Letztere erst vor wenigen Jahren auf den Separatisten-Zug und politisieren ziemlich deckungsgleich mit den Populisten in Madrid — bis und mit Korruptionsskandal. Dieser Schwenker hat sie kurzfristig von zwanzig auf fünfzig Prozent der Stimmen gehoben, in Umfragen sind sie wieder unten.

Die Konsultativ-Abstimmung zog auch noch Seperatouristen aus der ganzen Welt an. So standen progressive Basken und Schotten Schulter an Schulter mit Lombarden (die Wiege der Lega Nord, habe ich vorher auch nicht gewusst, die nur Rechtskonservativ schimpfen ist wohl Schönfärberei) vor dem Parlament. Meine neue Mitbewohnerin aus Glasgow (die auch nicht better together dachte) und ihre Freunde haben versucht mit ihren Landsleuten zu sprechen, aber die waren offenbar nur zum Verarschen hell genug …

Kurz davor mussten wir uns wegen gemeinsamen Bekannten auch noch einen Abend mit Hardcore-Katalanen abgeben. Zum Glück in einer guten Cerveceria 😉 Gar kein Durchkommen — trotz meiner Village-Cred (Heimatort Adelboden) und detaillierten Kenntnisse seiner Heimat (Organya 😉 ). Erstaunlicherweise sind die dort oben eigentlich gar nicht so nationalistisch, die Separatisten-Hochburg ist zwischen Küste und Bergen. Obwohl sie auch dort erstaunlich durchmischt sind (oder kennt jemand wen mit einem Elternteil aus Zürich?). Meine hiesigen Freunde sind dermassen bilingual, dass sie unmittelbar nach einem Gespräch nicht wissen, ob sie nun Katalanisch oder Spanisch gesprochen haben!

Mich würde dann noch interessieren, was die Katalanen mit ihren Minderheiten so im Sinn haben. Artur Mas, aktueller President: „If the majority wants […] the minority have to accept […]“ (zwar schnäderfräsig aus dem Kontext gerissen — aber er hats verdient). Spricht man sie auf Valencia an, werden sie richtig aggressiv, das wären denk Katalanen und basta! Im Val d’Aran auf der anderen Seite des Pyrenäenkamms, das damals den Franzosen schlitzohrig abgeluchst wurde, haben sich gerade mal 8,5% an die Urne begeben — was sie eingelegt haben wollte dann niemand so genau bekannt geben …

Ich hätte übrigens auch Abstimmen dürfen, nur war ich als Teil einer globalen Sklaven-Elite zu fest mit Betteln beschäftigt. Immerhin sind wir ganz zufrieden mit dem Projektvorschlag — hoffentlich wird da ein Stipendium draus 🙂

Nationalfeiertag

September 16, 2014

Während alle Augen auf Schottland gerichtet sind, ist Unabhängigkeit natürlich auch hier ein Thema. Einen Nationalfeiertag haben sie bereits, nämlich der 11. September und sie nennen ihn schlicht DER TAG. Da wurde vor genau dreihundert Jahren Katalonien den Habsburgern von den Bourbonen abgeluchst. Damit waren die auf vordere Reiche zurückgehenden Privilegien hin und seither ging es nur noch bergab, aber das war auch alles recht egal, bis Franco das bisschen Blumenniederlegen zum Gedenken verboten hat. Seit sie wieder dürfen geht traditionell die Post ab … Ansonsten merkt man von der habsburgischen Vergangenheit höchstens noch auf Malle etwas 😉

Und so ist die Stadt seit Tagen beflaggt, wobei nur die Fahne der katalanischen Sozialist*Innen noch seltener ist, als die stinknormale Katalonien-Fahne. Eigentlich sieht man nur die mit dem blauen Stern der Nationalist*Innen, die sich wie die Schott*Innen natürlich auch als Teil der EU sehen würden. Was man nicht alles lernt, wenn man mit einem Politik-Studenten wohnt 😉 Auf jeden Fall sind alle meine katalanischen Freunde aus der Stadt verduftet. Dafür wurden massenhaft Autobusse voller Landeier aus allen Ecken eingeführt (auch mit ÖV-Bussen) und die haben sich mit roten und gelben T-Shirts ein V für votar, voluntat oder victòria in den grössten Strassen der Stadt formiert.

Auch zuhause in Barceloneta wird brav weiter Protestiert. Unterdessen ist zwar  nur noch ein kleine, lärmige Horde übrig, dafür protestieren sie nicht mehr gegen illegale Zimmer für Touristen sondern generell gegen ausländische Touristen. Ob die Touristen aus Spanien mit meinen?

Ist auf jeden Fall ehrlicher so, schliesslich sprechen wir hier von einer recht milden Gentrifizierung. Die Wohnungen sind zwar alt, aber für die Lage direkt am Meer und doch so zentral dünken mich die Preise in Ordnung. Xavi sagt zwar jedes mal unter Kopfschütteln, wie besser es hier geworden sei — früher hätten hier nur Junkies gelebt und wie schon mal geschrieben, jedes Auto hatte einen „brecht mich nicht auf, ich wohne im Quartier“-Kleber — aber nach wie vor werden Leute mitten am Tag ausgeraubt (Arbeitskollegin, dieses Jahr und da hat auch niemand von den jetzt Protestierenden geholfen). Ausserdem geht der Touristenstrom laufend zurück. Merke ich vor allem, dass ich nun rund jede zweite Nacht durchschlafen kann. Und das bleibt auch so, weil für die restlichen Störungen sind keine Ausländer verantwortlich …

Eh nu, ich mag auch  nicht, wenn Leute ihre kleinen (und manchmal auch grossen) Geschäfte in der Strasse erledigen, aber da könnte man ja auch für mobile Toiletten wahrend der Hauptsaison demonstrieren. Ausserdem sind die in den Abfall-Containern vor sich hinrottenden Abfälle wesentlich schlimmer. Oder einheimische Väter, die neben ihre spielenden Kinder rotzen …

Während die paar Duzend durch die auf die Proteste hin verschärften Inspektionen geschlossenen Touristen-Wohnungen kaum Leute davon abhalten, ihre Wohnungen an Grossfirmen zu verscherbeln, waren die Folgen für die Betroffenen durchaus unangenehm. Die Touristen wurden einfach vor die Türe gesetzt, obwohl es eigentlich unmöglich ist eine legale von einer illegalen Unterkunft zu unterscheiden. Einige wurden über Jahre betrieben, während die Mühlen der Bürokratie das Bewilligungsgesuch ignoriert haben. Dafür gibt es angeblich nun Bussen zwischen zehn und hunderttausend Euro …

Fazit: Als Tourist bucht man besser nicht über Airbnb in Barceloneta und ich muss mich nach einer neuen Bleibe umsehen. Mein Obermieter hat (verständlicherweise) wenig Lust, so eine WG zu betreiben … Dafür gibt es hoffentlich auf den Winter hin zuverlässig Warmwasser unter der Dusche. Wenn dann auch noch der Duschkopf zum Schlauch hält und weder Türschloss, noch WC-Spülung eine Bedienungsanleitung brauchen wäre, würde ich auch nicht nein sagen. Und ja, ein etwas grosszügigerer Parkplatz, nicht direkt neben einem Porsche, wenn es geht 😉